Fotoserien

Animal People

Die ersten drei Tiermasken sind mir auf einem Flohmarkt begegnet. Ich habe sie mitgenommen, obwohl ich noch nicht wusste, was ich mit ihnen anfangen sollte. Nachdem ich im Wald das erste Foto mit den Masken aufgenommen hatte, sind mir weitere Masken begegnet, ich konnte nicht widerstehen. Für meine Serie, die ich mit der 4×5 inch Großformatkamera fotografiere, spreche ich Fremde auf der Straße an und setzte die Personen mit den Masken in Beziehung zum Stadt-Raum.

Art Sellers

2010 besuchte ich zum ersten Mal die ART COLOGNE, die 1967 als weltweit erste Kunstmesse etabliert zur führenden Kunstmesse Deutschlands wurde. Obwohl ich neugierg auf Kunst und als Fotograf selbst ein Künstler bin, galt mein wesentliches Interesse nicht der dort gezeigten Kunst, sondern den Menschen, die versuchen, Kunst aller Art an andere Menschen zu verkaufen. Der Kunstmarkt ist eine eigenartige Sache, und weil mich Menschen und ihr Ausdruck sehr interessieren beschloss ich, mich auf die Kunstverkäufer zu konzentrieren und machte sie zum Objekt meiner Beobachtung.

Cosplayer

Cosplay hat seinen Ursprung in Japan. Der Begriff ist die Abkürzung des englischen Begriffs costume play, den man frei mit „Kostümspiel“ übersetzen kann. Beim Cosplay stellt der Teilnehmer eine Figur durch Kostüm und Verhalten möglichst originalgetreu dar. Von 2008 bis 2010 besuchte ich mit meiner Linhof Master Technika, eine 4×5 inch Laufbodenkamera, die zu dieser Zeit in Bonn jährlich stattfindende AnimagiC. Die AnimagiC als Anime- und Manga-Convention ist nicht nur für deutsche Cosplay-Fans ein Pflichttermin, denn für drei Tage verwandelt sich der Veranstaltungsort samt Umgebung für alle Japan-Fans in einen kunterbunten Place-to-be. Interessant am Cosplay ist nicht nur, dass die Teilnehmer ihre Kostüme in der Regel komplett selbst schneidern und basteln, sondern auch die Atmosphäre auf der Convention, in die man – auch ohne Kostüm – wie durch einen Strudel gezogen eintauchen und sich wohlfühlen kann.

Gamer

Der schon länger kontrovers geführte Diskurs über die sogenannten “Killerspiele” wurde nach dem Amoklauf von Winnenden intensiver und verstärkt emotional geführt. Im März 2009 tötete ein 17-jähriger an einer Realschule 15 andere Menschen und zuletzt sich selbst, nachdem er nach mehrstündiger Flucht von der Polizei gestellt worden war. Nach Presseberichten soll der Amokläufer den Abend vor der Tat mit einem Ego-Shooter verbracht haben, was den Gegnern gewalthaltiger Computerspiele neue Argumente in die Hände gab. Im Sommer kam dann mit der gamescom die größte deutsche Messe für interaktive Spiele nach Köln. Weil in den Medien, vor allem von Seiten der Politik, verstärkt ein Verbot der “Killerspiele” gefordert wurde hat es mich interessiert, wie sich diese Debatte gerade auf dieser Messe zeigen würde. Also ging ich mit meiner Holga, einer Plastikkamera für 20 Euro, die im englischen Sprachraum auch als “toy-camera”, also als Spielzeugkamera bezeichnet wird, auf die gamescom und machte mir ein Bild vom Gamer – dem Spieler von Computerspielen.

Gesichter und Geschichten

Im Sommer 2010 erhielt ich einen großartigen Auftrag. Das Bundesinstitut für Berufsbildung (BIBB) führt das Projekt JOBSTARTER durch, das mit Mitteln des Bundesministeriums für Bildung und Forschung und dem europäischen Sozialfonds der Europäischen Union gefördert wird. Für die Schriftenreihe PRAXIS habe ich bundesweit Unternehmerinnen und Unternehmer mit Migrationshintergrund fotografiert. Erschienen sind meine Fotos im Band “JOBSTARTER PRAXIS 5 – Gesichter und Geschichten”. Auf 253 Seiten befasst sich PRAXIS 5 mit der Bedeutung selbstständiger Migrantinnen und Migranten in Deutschland und beantwortet aktuelle Fragen zum Thema “Selbstständigkeit und Migration”. Wie sich die Selbstständigkeit auf die Integration auswirkt konnte ich im direkten Kontakt mit den Unternehmerinnen und Unternehmern in Berlin, Hamburg, Köln, München, Stuttgart, Leipzig und anderen Städten erfahren. Auch wenn ich für dieses Projekt viel Zeit auf der Straße verbracht habe und die Fototermine zum Teil sehr unter Zeitdruck standen war doch jede Begenung einzigartig und eine wunderbare Erfahrung, ich habe durchweg großartige Menschen kennen gelernt. Das Projekt war gut vorbereitet und koordiniert, die Zusammenarbeit mit der Redaktion und dem Autor war hervorragend. Wir hatten einen visuellen Fahrplan für das Buch, aber gerade die Arbeit “on location” ist so abwechslungsreich und fordernd, dass man beim besten Willen nicht alles planen kann. Die Close-ups der Gesichter zum Beispiel standen in dieser Form nicht auf der Agenda, ich habe Sie eigentlich zusätzlich produziert. Doch als ich nach halber Produktion die ersten Fotos abgeliefert hatte, entschied man sich zu meiner großen Freude für die Gesichter.
Das Buch können Sie hier kostenlos bestellen oder als PDF herunterladen.

Hausbesuche

Wenn wir einem anderen Menschen begegnen dauert es oft nur den Bruchteil einer Sekunde, um eine Vorstellung von ihm zu bekommen. Wir nehmen seine Statur wahr, sein Gesicht, seine Kleidung, die Art der Bewegung, die Gesten, die Mimik. Wir hören seine Stimme, und wenn wir nah genug sind, können wir den anderen riechen. Hierbei laufen Kategorisierung und Findungsprozess unterbewusst auf der Basis unserer Erfahrungen ab. Selbst eine flüchtige Begegnung im Vorbeigehen auf der Straße induziert oft schon eine Vorstellung des anderen. Bis hierhin haben wir nur die öffentliche Person wahrgenommen. Doch was ist mit der privaten Person? Stimmt unsere Vorstellung? Wie lebt der andere? Menschen in ihrem privaten Bereich kennenzulernen ist spannend und das Ziel meiner fortlaufenden Serie.

Ketan

Man könnte Rolf Tepel, der sich selbst „Ketan“ nennt, als Aussteiger bezeichnen. Nun sind Aussteiger meist sehr mutige Menschen, denn sie setzen das in die Tat um, was andere sich nicht trauen. Denken wir ans Aussteigen, dann wollen wir meistens weg: auf die Insel, in den Süden, raus aus Deutschland. Die Wünsche sind so vielfältig wie die Menschen selbst. Aber dass man es auch wagen kann, mitten in einer Großstadt ein Leben zu führen, das nicht der gesellschaftlichen Konvention entspricht, können sich die meisten von uns schon gar nicht vorstellen. Ketan beweist uns das Gegenteil – und lebt! Mitten in Köln, auf einem Brachgelände der Stadt, im Schatten des Amtsgerichts, in seinem selbst gebauten Traumhaus. Wahrscheinlich hätte ich kaum etwas von Ketan erfahren, wäre nicht sein selbstgeschaffenes „Paradies“ mitten in der Stadt bedroht. Nachdem das Kölner Stadtarchiv durch Fehler beim U-Bahn-Bau eingestürzt war, hat man in Köln einen neuen Standort für das Stadtarchiv gesucht – und gefunden. Ketan soll nun irgendwann weichen und dem neuen Archiv Platz machen.

Am 7. Mai 2010 habe ich Ketan für das Buch „Ein Tag Deutschland” fotografiert. An einem ganz gewöhnlichen Freitag reisten 432 Fotografen durch ganz Deutschland, um festzuhalten, was vor ihrer Kamera geschah. Das Ergebnis ist ein schwergewichtiges Buch mit 640 Seiten, das den Betrachter lange und immer wieder beschäftigen kann. Das Buch können Sie hier bestellen.

Zurück zu Ketan: durch seine selbst und ganz bewusst gewählte Situation muss er natürlich auf einiges verzichten, was für uns selbstverständlich ist. Er hat zum Beispiel kein fließendes Wasser und keinen Stromanschluss. Ein wenig Energie, ausreichend für sein Mobiltelefon und seinen tragbaren Computer, erzeugt er selbst mit Solarzellen. Aber durch seinen Entschluss und seine Konsequenz erreicht er eine Intensität des Lebens, die wir uns ebenso wenig vorstellen können wie das Aussteigen mitten in der Großstadt.

Doch wie alles auf dieser Welt war auch Ketans „Paradies“ durch die Zeit beschränkt. Sieben Jahre dauerte sein Experiment, und mittlerweile ist er sogar sesshaft geworden. Seine Internetseite www.stein-des-anstosses.de war im Sommer 2018 noch immer erreichbar und gibt weitere Informationen. Auch das WDR Fernsehen berichtete über Ketan: 2014 im Film „Mein Leben im Paradies“ und 2017 in der Reihe Menschen hautnah über Ketans Vertreibung aus dem „Paradies“ und sein Leben, nachdem der Traum geplatzt war.

Kids

Die meiste Zeit sehen wir Erwachsene, eben weil wir größer sind, auf unsere Kinder herab. Indem ich die Kamera für meine Fotos auf die Augenhöhe der Kinder bringe sehe ich sie dadurch so, als wäre ich selbst Kind – oder als wären die Kinder Erwachsene. Plötzlich erscheinen uns die Kinder als Persönlichkeit mit eigenem, deutlichem Charakter. In den Gesichtern sind alle Anlagen vorhanden, jedes Charakteristikum ist da, das Spiel mit den Augen und die Mimik sind perfekt. Eigentlich sind die Kinder schon „fertige“ Menschen, sie wachsen nur noch ein wenig.
Aufgenommen habe ich die Fotos mit einer Linhof Technika – eine 4×5 inch Großformatkamera – auf einem heute leider nicht mehr verfügbaren Polaroid SW-Film. Durch ihre Größe ist die Kamera auf das Stativ angewiesen und so gar nicht flexibel, und das bei Aufnahmen von Kindern! Hinzu kommt die durch das große Format sehr geringe Schärfentiefe, so dass die Kinder genau auf ihrer Position bleiben mussten. Aber gerade diese präzise Arbeitsweise gibt den Kindern auf ihren Fotos eine Würde, die wir im Alltäglichen selten bei ihnen erkennen.

Party People

Der Sommer ist die Zeit, in der uns das Leben irgendwie intensiver erscheint. Wir gehen raus aus unseren Häusern, genießen die Wärme und die langen Tage. Und wir feiern mehr als zu den anderen Jahreszeiten. Zum Feiern gehört Musik. Das dachten sich wohl auch die Initiatoren der Cologne Summer Tunes, ein kostenloses Open Air Festival mit elektronischer Musik, das seit ein paar Jahren im Kölner Blücherpark stattfindet. Die naturnahe Atmosphäre ist gelassen, die Musik entpannt, und die Raver bilden eine große, friedliche Familie. Beste Voraussetzungen für mich, um mit der Kamera Gesichter zu sammeln.

Solstice to Solstice: 21.06.2011 – 21.06.2012

Die Idee
Ein fotografisches Tagebuch für die Dauer eines Jahres führen. Jeden Tag. Von Sommersonnenwende zu Sommersonnenwende, denn das Jahr könnte genauso gut im Sommer am längsten Tag des Jahres beginnen. Und Tagebücher von Fotografen sollten doch aus Fotos bestehen, oder nicht?

Warum?
Ich in die Kamera! Immer wieder möchte ich das, was ich sehe, im Kopf abspeichern und dann als Foto ausgeben können. Da aber die Technologie noch nicht so weit ist, muss ich einen Kamerakasten benutzen, um Fotos machen zu können.

Die Kamera
ist nur ein Werkzeug – das Bild ist alles. Aber ohne Werkzeug geht es eben nicht, und gutes Werkzeug hat bekanntlich noch nie geschadet. Für Solstice to Solstice verwendete ich eine Nikon FM2 mit einem 50 mm Objektiv. Die FM2 ist eine manuell zu bedienende, voll mechanisch arbeitende KB-Kamera. Die Beschränkung auf ein Objektiv mit fester Brennweite schult das Sehen, außerdem muss man nicht so viel herumschleppen. Welche Brennweite das Objektiv hat ist dabei eigentlich egal; wer den Look eines 35 mm Objektivs mag, würde das als seine Brennweite wählen. Meine Lieblingsbrennweite ist das Normalobjektiv, bei KB also in der Regel 50 mm. „Normal“ sind Objektive, wenn ihre Brennweite ungefähr der Bilddiagonalen des Films oder Sensors entspricht.

Warum Schwarzweiß?
Weil der Verzicht auf Farbe den Sinn für das Licht und die Form schärft. Und weil durch die Reduktion auf Grauwerte eine Chance auf die Verdichtung der Bildaussage entsteht. Aber nicht nur deshalb hat Schwarzweiß den eigenen Charakter mit selbständiger Ästhetik.

Aber warum Film?
Ich bin kein Digitalverweigerer und nutze beide Technologien, kombiniere sie und schätze die jeweiligen Vorteile. Doch gut drei Jahre vor dem Projekt hätte ich fest und steif behauptet, dass ich mit einer KB-Kamera nie wieder einen Film belichten werde. Wenn man an die Qualität und Auflösung digitaler Kamerasysteme oder großformatigen Films gewöhnt ist, kann man schnell zu so einer Aussage gelangen. Und jetzt das? SW-Fotos auf 400er KB-Negativfilm? Ja, Schärfe und Auflösung sind weit hinter der Zeit zurück. Jeder Druck auf den Auslöser muss bezahlt werden. Die ganze Laborarbeit ist aufwändig. Und anschließend müssen die Bilder dann doch wieder digitalisiert werden! Aber für mich gibt es Gründe, Film zu verwenden:

  • Film wirkt organischer als digitale Fotos. Das Korn eines SW-Films ist durch seine natürliche Struktur absolut zufällig und wirkt harmonisch. Ein in eine digitale Aufnahme hineingerechnetes Korn kann zwar ähnlich wirken, ist aber doch immer künstlich erzeugtes Rauschen und erscheint trotz der Berechnung zufälliger Strukturen gleichförmig. Dazu sind die Nachteile von Filmmaterial wie Korn und mangelnde Auflösung schon immer kreativ eingesetzt worden, um Bildaussagen zu verstärken oder gar erst zu erzielen. Nicht von ungefähr gibt es unzählige Filtersammlungen für Photoshop, welche die Struktur und Farbwiedergabe fast aller Filme simulieren.
  • Die digitale Aufnahme ist linear, während die Aufnahme auf Negativfilm logarithmisch erfolgt. Dadurch läuft die Belichtung auf Film in den Lichter- und Schattenpartien sanft aus, diese Bereiche weisen damit eine gewisse Dehnbarkeit auf und Unterschiede in den hellsten oder dunkelsten Tonwerten können erhalten werden. Bei der digitalen, linearen Aufnahme dagegen ist abrupt Schluss, das Bild wird plötzlich Schwarz oder Weiß mit dem totalen Verlust von Details.
  • Vielleicht bin ich ein Nostalgiker, aber das Fotografieren mit Film ist anders. Es gibt kein Display, kein sofortiges Feedback. Das ist befreiend. Man erhält diese besondere Spannung bis der Film entwickelt ist. Mit einer digitalen Kamera in der Hand wird man süchtig nach Kontrolle, beinahe nach jedem Schuss schaut man auf das Display. Indem man das macht, löst man immer wieder die direkte Verbindung zum Motiv. Das ist ganz besonders störend, wenn man Menschen fotografiert: das Display wird zu einer Barriere zwischen Fotograf und Motiv.

TonArt

Der Kölner Kulturbetrieb wäre ohne seine Musikszene wohl ebenso undenkbar wie die Stadt Köln ohne ihren Dom. Von der Klassik bis in die Moderne begründen Generationen von Musikern den guten Ruf Kölns als Musikstadt auch über die Grenzen Deutschlands hinaus. Musik kann man nicht sehen, dafür aber die Menschen, die sie machen. Für mein Projekt „TonArt – Portraits und Bandfotos aus der Musikszene Köln“ habe ich im Frühjahr 2014 Kölner Musiker vor meine 4×5 inch Großformatkamera geholt. Fotografiert habe ich mit dem legendären, aber leider nicht mehr erhältlichen Polaroid 55 Sofortbildfilm, der neben dem Positiv auch ein Negativ für die weitere Verarbeitung liefert. Von den Negativen habe ich schließlich Lith-Prints abgezogen.